Die Heilkräfte der Natur richtig nutzen

Die Heilkräfte der Natur richtig nutzen

Komplementärmedizin als Ergänzung

Der Stellenwert von Naturheilverfahren in der Krebstherapie ist immer wieder Gegenstand von Diskussionen zwischen Patienten, Angehörigen und Ärzten. Manche vertrauen so sehr darauf, dass sie in der Naturheilkunde sogar eine Alternative zur Schulmedizin sehen, andere warnen pauschal vor gefährlicher Scharlatanerie auf Kosten schwerkranker Menschen.

Tatsächlich spiele die Naturheilkunde heute eine wertvolle unterstützende Rolle in der Krebstherapie, erklärt Prof. Dr. Andreas Michalsen, Spezialist für Klinische Naturheilkunde an der Berliner Charité: „Als primäre Therapie ist sie nicht geeignet, aber wir haben in den vergangenen Jahren viele Beweise dafür gesehen, dass Methoden wie Meditation, Yoga oder bestimmte Ernährungsformen wirklich effektiv sind.“ Da diese Verfahren nicht alternativ, sondern ergänzend (komplementär) zur schulmedizinischen Krebstherapie eingesetzt werden, werden sie unter dem Oberbegriff Komplementärmedizin zusammengefasst.

„Die besten Belege für eine Wirksamkeit in der Krebstherapie gibt es für Yoga und die sogenannte Achtsamkeitsmeditation. Sie haben eine sehr positive Wirkung auf die Psyche, weil sie in der Phase der Ohnmacht zwischen Therapie und Kontrolluntersuchungen Orientierung geben“, berichtet Prof. Michalsen. Akupunktur und Akupressur reduzieren Nebenwirkungen der Strahlen- und Chemotherapie und können so die Lebensqualität der Patienten verbessern. Zur Misteltherapie gebe es bisher kaum aussagekräftige Studien, sodass ihr Stellenwert derzeit noch nicht völlig geklärt sei. Andere Ansätze hätten sich dagegen eindeutig bewährt, so Prof. Michalsen: „Dazu gehören zum Beispiel Probiotika gegen Durchfall bei Chemotherapien und Calendula-Salbe gegen Hautschädigungen durch die Strahlentherapie.“ Zudem gebe es immer mehr Hinweise, dass ein veränderter Lebensstil das Risiko verringern kann, dass der Krebs zurückkehrt. Die meisten Studien gebe es zum Brustkrebs: „Das liegt vor allem daran, dass Frauen offener für Naturheilverfahren sind.“ Auch zu anderen gynäkologischen Tumoren und Darmkrebs lägen immer mehr Daten vor. So habe sich bei bestimmten Krebsformen eine vegetarische Ernährung bewährt. Eine krebshemmende Wirkung zeige Kurkuma – zumindest im Labor. Das große Problem der Naturheilkunde sei aber, dass wissenschaftliche Nachweise immer sehr lange dauerten, so Prof. Michalsen: „Hier fehlen meist Geldgeber, die solche Studien finanzieren.

Prof. Michalsens Team ist derzeit an drei Studien beteiligt, die die Wirkung intermittierenden Fastens während der Chemotherapie untersuchen. Anlass ist die Beobachtung, dass intermittierendes Fasten die Nebenwirkungen der Chemotherapie spürbar lindern kann. „Auf der anderen Seite gibt es aber auch verrückte Leute, die behaupten, sie könnten den Krebs mit 40 Tagen Fasten aushungern. Sowas ist natürlich sehr gefährlich“, warnt Prof. Michalsen: „An solchen Beispielen sieht man, wie nah Licht und Schatten in der Komplementärmedizin oft beieinander liegen.“ Es sei für ihn unerträglich, wenn Anbieter Naturheilverfahren als Alternative zur schulmedizinischen Behandlung darstellten. Solche Aussagen seien schlicht unseriös. Andererseits machten viele Schulmediziner den Fehler, Naturheilverfahren nicht ernst zu nehmen und pauschal zu verurteilen, gibt Prof. Michalsen zu bedenken: „Damit treiben sie die Patienten in die falschen Hände.“

Prof. Dr. Andreas Michalsen, Spezialist für Klinische Naturheilkunde an der Berliner Charité
Prof. Dr. Andreas Michalsen,
Spezialist für Klinische Naturheilkunde
an der Berliner Charité

Um Krebspatienten vor unseriösen Anbietern und Versprechungen zu bewahren, hat die Deutsche Krebshilfe das Projekt KoKOn (www.kokoninfo.de) gestartet. Es soll die seriöse Beratung zu komplementärmedizinischen Verfahren unterstützen. Auch Selbsthilfegruppen helfen bei der Suche nach komplementärmedizinischen Angeboten. Anders als bei anderen Erkrankungen seien Heilpraktiker für Krebspatienten nicht zu empfehlen, warnt Prof. Michalsen. Krebserkrankungen gehörten nicht zur Ausbildung der Heilpraktiker und so fehle ihnen in der Regel das nötige Wissen. Ganz wichtig sei es, die Wechselwirkungen der Naturheilverfahren mit den schulmedizinischen Therapien zu kennen: „Man muss genau wissen, was man unbedenklich geben kann und was während einer Chemotherapie pausiert werden muss.“ Das hätten Heilpraktiker oft nicht im Blick. Idealer Ansprechpartner für die Patienten sei der Arzt für Naturheilverfahren, so Prof. Michalsen. Zunehmend öffneten sich aber auch andere Fachgebiete wie die Gynäkologie den komplementärmedizinischen Verfahren.

Auszug Anzeige aus dem Hamburger Ärztemagazin, erschienen am 14.09.2017

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